Walnüsse schärfen den Verstand

Aktuelle Studie belegt positiven Einfluss auf das schlussfolgernde Denken

Zwei tief von Furchen durchzogene Hälften: Betrachtet man eine Walnuss, so sieht man an ihr durchaus Ähnlichkeiten mit dem menschlichen Gehirn. Mittelalterliche Ärzte hielten sie daher, gemäß der Signaturenlehre, für eine Art Denk-Stimulanz. Nach dem Muster: Wer schwierige Gedankennüsse knacken will, muss eben vorher reale Nüsse essen. Mittlerweile hat man sich von dieser Theorie freilich verabschiedet - doch laut einer aktuellen Studie(1) aus den USA ist sie wohl gar nicht so falsch.

Ein Forscherteam unter Peter Pribis von der Andrews University in Berrien Springs hatte 64 Studenten in zwei Gruppen eingeteilt: die eine aß täglich drei Scheiben Bananenbrot, und die andere tat genau das gleiche, doch in ihrem Brot hatte man eine halbe Tasse zerkleinerter Walnüsse verarbeitet. Nach acht Wochen machten die Probanden eine sechswöchige Pause, um schließlich den gleichen Versuch noch einmal durchzuführen, nur dass diesmal getauscht wurde: die ursprünglichen Bananenbrotesser verzehrten jetzt das Produkt mit den Nüssen, und umgekehrt. Vor und nach den jeweiligen Diätphasen absolvierten die Probanden einen Test, der ihre kognitiven und emotionalen Fähigkeiten erfasste.

In diesen Messungen zeigten sich zwar Stimmungslage und Gedächtnisleistungen keine Veränderungen – aber dafür brillierten die Probanden nach dem Nussverzehr, wenn ihr schlussfolgerndes Denken abgeklopft wurde. In diesem Test mussten sie eine kurze, unvollständige Geschichte lesen, und danach konfrontierte man sie mit fünf Textpassagen, die sie im Hinblick darauf einordnen sollten, inwieweit sie als Fortsetzung für die inkomplette Story in Frage kamen. Die Nuss-Bananenbrot-Esser erzielten dabei eine um 11,2 Prozent bessere Trefferquote als die reinen Bananenbrotesser, sie konnten also deutlich besser den Wahrheitsgehalt der ihnen angeboten Lösungen einschätzen.

Dies soll jedoch nicht heißen, dass Walnüsse aus einem Menschen einen kritischen und logischen Denker machen können. Dies schaffe man nur, wie Studienleiter Pribis betont, „durch langjähriges und intensives Üben und Lernen“. Nichtsdestoweniger könnten Studenten und Berufstätige, die bereits im kritischen Denken geschult und darauf in besonderem Maße angewiesen sind, „vom regelmäßigen Walnussverzehr profitieren“. Oder anders ausgedrückt: Wer bereits einen scharfen Verstand hat, wird ihn mit Walnüssen noch weiter schärfen können.

Bleibt die Frage, wie eine Walnuss überhaupt einen solch komplexen und hermetisch abgeriegelten Apparat wie das Gehirn beeinflussen kann. „Sie enthält eine Reihe von neuroprotektiven Wirkstoffen“, erklärt Ernährungswissenschaftler Pribis, „wie etwa Vitamin E, Folsäure, Melatonin und Polyphenole“. Noch wichtiger ist aber ihre Alpha-Linolensäure. Denn die bildet den Rohstoff für die Synthese mehrfach ungesättigter Fettsäuren, die das Gehirn für rasche und fehlerfreie Signalwege benötigt. Was allerdings auch wieder die Frage aufwirft, warum die Walnuss wohl das schlussfolgernde Denken, nicht aber andere Hirnaktivitäten in Schwung bringt.

Die mögliche Antwort: Die einzelnen Hirnaktivitäten unterscheiden sich in ihrer Beeinflussbarkeit. So gelten Gedächtnis und Emotionalität als weitgehend feste Merkmale einer Persönlichkeit, während das schlussfolgernde Denken mehr oder weniger mühsam erlernt werden und daher prinzipiell offener für äußere Einflüsse sein muss, zu denen ja auch die Ernährung zählt.

Die Nuss schärft eben den Verstand - aber am Charakter eines Menschen beißt auch sie sich die Zähne aus.

Quelle:
  • Pribis P u.a., “Effects of walnut consumption on cognitive performance in young adults”, British Journal of Nutrition (2011), doi:10.1017/50007114511004302