Kernig gegen freie Radikale

Nüsse liefern ähnlich viele Antioxidantien wie Rotwein und Schokolade

Das Leben ist stressig geworden. Nicht nur in psychischer, sondern auch in körperlicher Hinsicht. Rauchen, Umweltgifte, Strahlenbelastungen, fettreiche Kost – all das bombardiert den Körper mit freien Radikalen, also aggressiven Atomen und Molekülen, die den Zellen und ihrem Erbgut zusetzen. Dieser „oxidative Stress“ kann nach heutigem Kenntnisstand zahlreichen Krankheiten den Weg bereiten, von Arteriosklerose und Herzinfarkt über den Krebs bis zu Diabetes und Rheuma.

Als wirksames Gegenmittel gegen diesen Prozess gelten pflanzliche Nahrungsmittel, deren Inhaltsstoffe als so genannte „Radikalefänger“ oder „Antioxidantien“ arbeiten. Eine Hauptrolle spielen hier neben Vitaminen und Mineralien vor allem sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe, wie etwa die Polyphenole. Diese früher als „Gerbstoffe“ bezeichneten Substanzen dürften den meisten Verbrauchern von Tee, Rotwein und Schokolade bekannt sein. Doch jüngere Studien belegen, dass Nüsse sich keineswegs dahinter verstecken müssen.

An der Tufts University im amerikanischen Boston (1) fand man bei den Kernfrüchten nicht nur sehr viel Vitamin E (Pistazien, Mandeln und Walnüsse enthalten auf 100 Gramm über 20 mg und damit mehr als das Zehnfache von Eiern und Hering!), sondern auch große Mengen an Polyphenolen. Die höchsten Werte haben mit über 1500 mg auf 100 Gramm die Pekan- und Walnüsse, aber auch Pistazien liegen noch im vierstelligen Bereich und damit deutlich über den 500 Milligramm, die man beispielsweise in Bitterschokolade findet.

Türkische Wissenschaftler (2) ermittelten die Haselnuss als ergiebige Quelle antioxidativer Polyphenole. Allerdings befinden sie sich hauptsächlich in der Nusshaut, die man deshalb logischerweise mitverzehren sollte.

Bleibt die Frage, ob die hohen Polyphenolwerte der Nüsse nur einen theoretischen Wert haben. Denn prinzipiell wäre es möglich, dass ein Nahrungsmittel wohl ein hohes antioxidatives Potential besitzt, das aber im konkreten Alltag letzten Endes wirkungslos verpufft, weil der menschliche Körper die entsprechenden Substanzen nicht für sich nutzen kann. Solche eingeschränkte Bioverfügbarkeiten kennt man beispielsweise von Möhren, deren Carotinoide im rohen Zustand chemisch derart massiv „eingekerkert“ sind, dass unser Verdauungstrakt sie kaum herauslösen kann. Bei den Nüssen besteht diese Gefahr jedoch nicht, wie an der Tufts University mit Hilfe des so genannten ORAC-Tests festgestellt wurde.

ORAC heißt „Oxygen Radical Absorbance Capacity“ und steht für die konkrete Fähigkeit, den Organismus vor freien Radikalen schützen zu können. Hier präsentierten sich Wal-, Pekan- und Haselnüsse mit Werten von 95 bis 180 Mikromol TE – und die stehen auf gleicher Stufe mit denen ORAC-Zahlen von Rotwein und grünem Tee.

Nüsse schützen also nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch vor oxidativem Stress. Was durch eine aktuelle Studie der Harvard Medical School in Boston (3) bekräftigt wird. In deren Labors entwickelten nämlich Mäuse deutlich weniger Darmkrebs, sofern man ihnen täglich eine Ration Walnüsse kredenzte. Die Wissenschaftler betonen zwar, dass dieser Effekt noch konkret am Menschen bestätigt werden müsste. Doch das hindert ja niemanden daran, schon vorher eine tägliche Nussration in seinen Speiseplan einzubauen.

Literaturübersicht
  1. Bolling B u.a., „The phytochemical composition and antioxidant actions of tree nuts“, Asia Pac J Clin Nutr, 2010; 19: 117-123
  2. Alasalvar C u.a., “Antioxidant Activity of Hazelnut Skin Phenolics”, Journal of Agricultural and Food Chemistry, 2009; 57: 4645-4650
  3. Nagel JM u.a., “Dietary walnuts inhibit colorectal cancer growth in mice by suppressing angiogenesis”, Nutrition, 2012; 28: 67-75